Wut

Nehmen wir folgende typische Alltagssituation:

Marc (11 Jahre) ist außer sich vor Wut. Seine Schwester Lili hat, ohne zu fragen, sein Handyladekabel aus seinem Zimmer genommen und verwendet. Als er das verschwundene Kabel bemerkt, verlässt er wütend sein Zimmer, stürmt in das Zimmer seiner Schwester, nimmt das Handyladekabel an sich, beschimpft seine Schwester, gibt ihr noch einen Faustschlag und verlässt das Zimmer wieder mit zugeschlagener Türe. Die Mutter bemerkt dies (es ist auch nicht das erste Mal) und schimpft mit Marc, der wütend in sein Zimmer geht. Wütend auf sich selbst, auf seine Schwester und seine Mutter sitzt er nun auf seinem Bett.

Die Burggemeinschaft-Methode kann einzelnen Familienmitgliedern helfen, in Zukunft mit mehr Selbstwirksamkeit vorzugehen.

Marcs Burgrat

Marc sieht das verschwundene Handyladekabel und weiß sofort: «Meine Schwester hat es wieder genommen!». Sekundenschnell steigt in ihm die Wut hoch und seine weiteren Gedanken, Gefühle und Handlungen werden von dieser Wut bestimmt. Was könnte er nun ändern?

Ein wichtiger Moment ist der erste Gedanke, das erste Gefühl nach der auslösenden Situation (hier die Entdeckung des fehlenden Ladekabels). Wenn Marc seine Burggemeinschaft kennt, dann realisiert er in diesem Moment, dass nicht er wütend wird, sondern sein feuriger Ritter in ihm. Er bleibt dadurch handlungsfähig und selbstwirksam und kann einen Burgrat abhalten. Dieser könnte folgendermaßen aussehen:

1. Stopp, Burgrat: Der weise Burgherr bemerkt, dass der feurige Ritter wütend wird und beruft einen Burgrat ein.

2. Zuhören: Marcs Burgherr wendet sich mit ungefähr diesen Worten an seinen feurigen Rittern: «Feuriger Ritter. Ich sehe dich. Ich sehe, dass du total wütend bist. Du hast ja schon einen richtig roten Kopf und Schweißausbrüche! Du findest es sehr ungerecht, dass unsere Schwester das Ladekabel ohne zu fragen genommen hat. Ich bin froh, dass es dich gibt, und dass du dich dafür einsetzt, dass wir gerecht behandelt werden.

Aber: Du bist nicht der einzige hier auf der Burg. Es gibt noch andere Burgbewohner und mich würde interessieren, was der freie Adler zum entwendeten Ladekabel meint.» Marc hat im Abschnitt «Die Burgbewohner:innen stellen sich vor» und anhand der Tabellen im Anhang gelernt, dass der freie Adler der Helfer des feurigen Ritters ist. Der freie Adler in Marc sagt dann in etwa: «Ich bin frei. Ich kann zu unserer Schwester gehen, unserer Wut freien Lauf lassen und sie dafür schlagen. Aber ich kann auch nichts machen. Weil ich das Kabel jetzt nämlich gar nicht brauche. Oder ich kann auch, ohne sie zu schlagen, mit ihr reden. Sie fragen, warum sie immer mein Kabel nimmt. Oder wir können uns an Mama wenden und sie fragen, ob sie nicht für unsere Schwester ein eigenes Kabel kaufen kann.

3. Entscheiden: Jetzt kann Marc (sein weiser Burgherr) entscheiden, was er wirklich tun will. Er ist nun frei dafür, weil er mit Hilfe eines gesunden Abstandes zum feurigen Ritter und der Verbindung mit seinem freien Adler wieder in der Selbstwirksamkeit ist. Das Gefühl der Wut ist noch da, aber etwas schwächer.

Lilis Burgrat

Bei Lili ist der interessante Moment derjenige, als sie das Kabel aus Marcs Zimmer holt, weil ihr eigenes Ladekabel kaputt ist und sie zu faul ist, das Familienladekabel im Erdgeschoss zu holen. Ihr Akku ist bald leer. Sie schreibt gerade etwas Wichtiges auf ihrem Handy und will keine Verzögerungen. Also holt sie das Ladekabel in Marcs Zimmer, was zum Konflikt führt.

Was hätte Lili anders machen können? Welche Burgbewohnerinnen waren bei ihr aktiv in diesem Moment?

Der Moment für einen Burgrat bei ihr, als sie den Impuls verspürt, das Ladekabel bei Marc zu holen. Dies, obwohl sie weiß, dass sie das nicht tun sollte und das in der Vergangenheit schon zu Konflikten geführt hat. Das schlechte Gewissen, welches sie dabeihat, könnte Anlass für einen Burgrat sein. Also los:

1. Stopp, Burgrat: Lili ist auf dem Weg in Marcs Zimmer. Sie hat ein schlechtes Gewissen, will aber auch sofort ihr Handy laden. Als weise Burgherrin realisiert sie, dass es Zeit wäre für einen Burgrat. Aus dem Kapitel «Die Burgbewohner:innen stellen sich vor» hat sie gelernt,

dass die lustige Hofnärrin für die Gemütlichkeit, das Vergnügen, die Faulheit, die Trägheit zuständig ist. Es macht einfach keinen Spaß, das Ladekabel im Erdgeschoss zu holen. Also spricht sie als weise Burgherrin die lustige Hofnärrin an.

2. Zuhören: Die weise Burgherrin von Lili sagt: «Lustige Hofnärrin, was meinst du zum Ladekabel im Erdgeschoss?» Diese antwortet: «Wir wollen jetzt unbedingt gleich diesen Kommentar schreiben! Wir haben keine Zeit dafür. Außerdem sind meine Muskeln zu müde, um runterzugehen!» Die weise Burgherrin antwortet: «Ich sehe dich. Ich weiß, dass du für die Gemütlichkeit verantwortlich bist und bin froh, dass ich dich habe. Sonst wäre ich ja die ganze Zeit am Schuften!»

Aber: «Du bist nicht die Einzige, die hier auf dieser Burg wohnt. Mich würde interessieren, was die hilfsbereite Dienerin dazu sagt.» Lili weiß, dass diese für das Mitgefühl zuständig ist. Die hilfsbereite Dienerin in Lili antwortet: «Eigentlich mag ich meinen Bruder ja. Deshalb stelle ich mir jetzt vor, wie das für ihn ist, wenn ich immer wieder sein Ladekabel nehme. Es wäre wirklich besser, ich würde mit Mama ein Neues kaufen gehen und wir würden jetzt, hoffentlich ein letztes Mal, das Ladekabel unten holen gehen.»

3. Entscheiden: Aufgrund des Inputs der hilfsbereiten Dienerin bringt Lili nun die Motivation auf, das Ladekabel im Erdgeschoss holen zu gehen. Der Konflikt mit dem Bruder konnte dadurch verhindert werden.

Mamas Burgrat

Mama wurde wütend auf Marc, weil er seine Schwester geschlagen hat. Die zwei Geschwister haben auch wegen anderen Themen häufig verbale und körperliche Konflikte und die Frustrationstoleranz der Mutter ist deswegen inzwischen tief. Im Nachhinein nervt sie sich dann nicht nur über die Kinder, sondern auch über sich selbst. Sie hat dann das Gefühl, dass sie eine schlechte Mutter ist, genauer gesagt, ihre strenge Richterin gibt ihr dieses Gefühl. Wie könnte ihr ihre Burggemeinschaft helfen? Was könnte sie besser machen?

1. Stopp, Burgrat: Der entscheidende Moment bei Mama ist derjenige, wenn Lili zu ihr kommt und sich darüber beschwert, dass Marc sie geschlagen hat. Ihre impulsive Reaktion war das Schimpfen mit Marc. Sie hat gelernt, dass die feurige Ritterin für die Wut zuständig ist. Da sie sich nicht von der Wut bestimmen lassen will, entscheidet sie sich für einen Burgrat.

2. Zuhören: Die weise Burgherrin wendet sich an die feurige Ritterin und lässt sie zu Wort kommen: «Immer streiten unsere Kinder! Ich halte das nicht mehr aus! Das ist so ungerecht. Ich hätte echt Besseres zu tun, als mich um ihre Konflikte zu kümmern. Und dass Marc Lili schlägt, das geht gar nicht. Dafür braucht es eine richtig schlimme Strafe!» Die weise Burgherrin könnte dann antworten: «Ich sehe dich. Ich sehe, dass du total wütend bist und Marc am liebsten schwer bestrafen möchtest. Aber: Du bist nicht die Einzige hier. Mich würde interessieren, was der freie Adler dazu meint.» Dieser würde dann antworten: «Ich bin frei. Ich kann diesen Streit zu schlichten versuchen. Aber warum machen sie das eigentlich nicht selbst? Ich kann auch einfach nichts tun. Oder ich kann zuerst nichts tun und mich danach mit beiden hinsetzen und besprechen, wie es zum Streit gekommen ist. Oder ich kann jetzt einen Tee trinken.»

3. Entscheiden: Somit kehrt Mama wieder in die Selbstwirksamkeit zurück. Wahrscheinlich wäre es gut, sich für den Moment rauszuhalten und den Konflikt im Nachhinein zu besprechen. Es könnte sein, dass die Diskussion dann konstruktiver verläuft und jemand die Idee hätte, dass man für Lili ein neues Ladekabel kaufen sollte.